IHSDiagnoseICD-10
2KOPFSCHMERZ VOM SPANNUNGSTYP G44.2  
Früher verwendete Begriffe Spannungskopfschmerz, Muskelkontraktionskopfschmerz, psychomyogener Kopfschmerz, stressabhängiger Kopfschmerz, gewöhnlicher Kopfschmerz, essentieller Kopfschmerz, idiopathischer und psychogener Kopfschmerz
An anderer Stelle kodiert Kopfschmerzen vom Spannungstyp als sekundäre Folge einer anderen Erkrankung werden entsprechend dieser Erkrankung kodiert.

Allgemeiner Kommentar

Primärer und/oder sekundärer Kopfschmerz?

Tritt ein Kopfschmerz mit dem klinischen Bild eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp in engem zeitlichen Zusammenhang mit einer anderen Erkrankung auf, die als Ursache von Kopfschmerzen angesehen wird, sollte der Kopfschmerz entsprechend der ursächlichen Erkrankung als sekundärer Kopfschmerz kodiert werden. Wenn sich aber ein vorbestehender Kopfschmerz vom Spannungstyp in engem zeitlichen Zusammenhang mit einer Erkrankung, die als Ursache von Kopfschmerzen angesehen wird, verschlechtert, ergeben sich zwei Möglichkeiten, die ein Abwägen erfordern. Der Patient kann entweder ausschließlich die Diagnose eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp erhalten oder aber die Diagnose eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp und eines sekundären Kopfschmerzes entsprechend der anderen Erkrankung. Letzteres Vorgehen empfiehlt sich bei Vorliegen folgender Punkte: Es besteht ein unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang zur angenommenen ursächlichen Erkrankung; der Kopfschmerz vom Spannungstyp hat sich deutlich verschlechtert; es bestehen sehr gute Hinweise, dass die betreffende Erkrankung Kopfschmerzen vom Spannungstyp hervorrufen oder verschlimmern kann und nach Ende der angenommenen ursächlichen Erkrankung kommt es zum Verschwinden oder zumindest zur deutlichen Besserung des Kopfschmerzes vom Spannungstyp.

Einleitung

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist der häufigste primäre Kopfschmerz. Die Lebenszeitprävalenz in der Gesamtbevölkerung variiert in Studien zwischen 30 und 78%. Gleichzeitig ist es der am wenigsten untersuchte primäre Kopfschmerz, obwohl er die größte sozioökonomische Bedeutung hat.

Während man bei diesem Kopfschmerz ursprünglich eine primär psychogene Ursache annahm, legen nun eine Vielzahl von Studien, die nach Erscheinen der ersten Version der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzen durchgeführt wurden, nahe, dass zumindest den schwereren Verlaufsformen eine neurobiologische Genese zugrunde liegt.

Die Unterscheidung zwischen einer episodischen und chronischen Verlaufsform, wie sie in der ersten Version der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzen vorgenommen worden war, hat sich als extrem hilfreich erwiesen. Die chronische Verlaufsform ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt und zu einer erheblichen Behinderung führt. In der vorliegenden Version wurde beschlossen, den episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp noch weiter in einen sporadischen Subtyp mit weniger als 1 Tag/Monat und einen Subtyp mit häufigeren Attacken zu unterteilen. Der sporadische Subtyp hat nur wenige Auswirkungen auf das Leben des Betroffenen und verdient nur wenig Aufmerksamkeit der Medizin. Der Subtyp mit häufigeren Attacken hingegen kann mit erheblicher Behinderung einhergehen und zum Teil teure Medikamente und eine prophylaktische Behandlung erforderlich machen. Die chronische Verlaufsform ist natürlich grundsätzlich mit einem hohen Grad an Behinderung und hohen personellen und sozioökonomischen Kosten verbunden.

In der ersten Auflage wurde willkürlich zwischen Patienten mit und ohne erhöhte Schmerzempfindlichkeit der perikranialen Muskulatur unterschieden. Diese Unterteilung hat sich als berechtigt erwiesen, wobei sich als einzig hilfreiches Unterscheidungskriterium die manuelle Palpation und nicht, wie in der ersten Auflage angenommen, auch das Oberflächen-EMG oder die Druckalgesiometrie erwiesen hat. Deshalb wurde in der zweiten Auflage lediglich die manuelle Palpation und hier vorzugsweise die druck-kontrollierte Palpation zur Unterscheidung der Unterformen des Kopfschmerzes vom Spannungstyp herangezogen.

Die genaue Pathophysiologie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp ist nicht bekannt. Periphere Mechanismen scheinen sehr wahrscheinlich beim 2.1. sporadisch auftretenden episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp und beim 2.2 häufig auftretenden episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp eine Rolle zu spielen, während zentrale Schmerzmechanismen beim 2.3 chronischen Kopfschmerz vom Spannungstyp entscheidend sind. Das Klassifikationskomitee hält weitere wissenschaftliche Untersuchungen zur Pathophysiologie und Behandlung des Kopfschmerzes vom Spannungstyp für äußerst wünschenswert.

Es gibt Anlas zur Vermutung, dass die diagnostischen Kriterien der ersten Auflage dazu führen, dass fälschlicherweise einige Patienten mit einer leichten Migräne ohne Aura in die Spannungskopfschmerzgruppe eingeordnet wurden und manche Patienten mit einer chronischen Migräne als chronischer Kopfschmerz vom Spannungstyp kodiert wurden. Die klinische Erfahrung stützt diese Annahme, insbesondere bei Patienten, die zusätzlich unter Migräneattacken leiden oder die Symptome zeigen, wie sie für die Pathophysiologie der Migräne typisch sind (Schoenen et al. 1987). Innerhalb des Klassifikationskomitees gab es Überlegungen, die diagnostischen Kriterien des Kopfschmerzes vom Spannungstyp restriktiver zu formulieren, in der Hoffnung, zumindest Migränepatienten auszuschließen, deren Kopfschmerz phänomenologisch einem Kopfschmerz vom Spannungstyp ähnelt. Dies hätte jedoch die Sensitivität der Kriterien beeinträchtigt, ohne dass der Vorteil einer solche Änderung wissenschaftlich belegt wäre. Da ein Konsens in diesem Punkt nicht erreicht werden konnte, findet sich im Anhang ein Vorschlag für derartige restriktivere Kriterien unter A2 Kopfschmerz vom Spannungstyp. Das Klassifikationskomitee empfiehlt, Patienten, die entsprechend der Klassifikation diagnostiziert wurden, mit Patienten zu vergleichen, deren Diagnose auf den Kriterien im Anhang beruht. Dies betrifft sowohl das klinische Bild als auch pathophysiologische Mechanismen und das Ansprechen auf Medikamente.

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