IHS Diagnose ICD-10
5 KOPFSCHMERZ ZURÜCKZUFÜHREN AUF EIN KOPF- UND/ODER HWS-TRAUMA G44.88  

Allgemeiner Kommentar

Primärer und/oder sekundärer Kopfschmerz?

Tritt ein neuer Kopfschmerz erstmals in engem zeitlichen Zusammenhang mit einem bekannten Trauma auf, sollte der Kopfschmerz als Kopfschmerz zurückzuführen auf ein Trauma kodiert werden. Dies ist auch der Fall, wenn der Kopfschmerz das klinische Bild einer Migräne, eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp oder eines Clusterkopfschmerzes aufweist. Wenn sich ein vorbestehender primärer Kopfschmerz in engem zeitlichen Zusammenhang mit einem Trauma verschlechtert, ergeben sich zwei Möglichkeiten, die ein Abwägen erfordern. Der Patient kann entweder ausschließlich die Diagnose des vorbestehenden primären Kopfschmerzes erhalten oder aber die Diagnose des vorbestehenden primären Kopfschmerzes und eines Kopfschmerzes zurückzuführen auf ein Trauma. Letzteres Vorgehen empfiehlt sich bei Vorliegen folgender Punkte: Es besteht ein unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang zum Trauma; die primären Kopfschmerzen haben sich deutlich verschlechtert; es bestehen sehr gute Hinweise, dass das betreffende Trauma Kopfschmerzen verschlimmern kann und es kommt zum Verschwinden des Kopfschmerzes nach Erholung vom Trauma.

Definitiv, wahrscheinlich oder chronisch?

In den meisten Fällen ist eine sekundäre Kopfschmerzdiagnose nur endgültig, wenn der Kopfschmerz innerhalb einer festgelegten Zeit nach erfolgreicher Behandlung oder Spontanremission der zugrundeliegenden Erkrankung verschwindet oder sich zumindest deutlich bessert. In diesen Fällen ist dieser zeitliche Zusammenhang der Besserung ein entscheidender Teil des Kausalnachweises. Dies ist bei den posttraumatischen Kopfschmerzen nicht der Fall. Der Kausalzusammenhang wird durch den Kopfschmerzbeginn in engem zeitlichen Zusammenhang zum Trauma belegt, während ein mögliches Persistieren der Kopfschmerzen nach dem Trauma allgemein anerkannt ist. In diesen Fällen wird z.B. nach einem Kopftrauma ein 5.2 chronischer posttraumatischer Kopfschmerzen diagnostiziert. Bis ein ausreichender Zeitraum für eine Besserung verstrichen ist, wird die Diagnose 5.1. akuter posttraumatischer Kopfschmerzen verwandt, wenn hierfür die Kriterien erfüllt sind. Das gleiche gilt für Kopfschmerzen nach HWS-Beschleunigungstraumen. Die Möglichkeit der Diagnose eines wahrscheinlichen Kopfschmerzes zurückzuführen auf ein Kopf- und/oder HWS-Trauma besteht hingegen nicht.

Einleitung

Kopfschmerzen können nach Verletzung des Kopfes, der Halswirbelsäule oder des Gehirns auftreten. Kopfschmerzen nach einem Schädeltrauma werden dabei häufig von Symptomen wie Schwindel, Konzentrationsstörungen, Nervosität, Persönlichkeitsveränderungen oder Schlafstörungen begleitet. Diese Symptomkonstellation wird als posttraumatisches Syndrom bezeichnet, wobei die Kopfschmerzen in der Regel das dominierende Symptom sind.

Einige der in diesem Kapitel aufgeführten Kopfschmerztypen können symptomatischer Natur sein und machen eine sorgfältige Untersuchung mit Bildgebung und anderen Verfahren erforderlich.

Kopfschmerzen nach einem Schädeltrauma können eine Vielzahl von Schmerzmustern aufweisen, die primären Kopfschmerzen ähneln. Am häufigsten, bei ca. 80 % der Patienten, ähneln die Kopfschmerzen einem Kopfschmerz vom Spannungstyp. In einigen Fällen kann eine typische Migräne mit oder ohne Aura getriggert werden und auch ein clusterkopfschmerzähnliches Syndrom ist in Einzelfällen beschrieben worden

Es ist einfach, die Verbindung zwischen Kopfschmerzen und Trauma herzustellen, wenn die Kopfschmerzen unmittelbar oder in den ersten Tagen nach dem Kopf- oder HWS-Trauma auftreten. Schwierig wird es, wenn die Kopfschmerzen erst Wochen oder gar Monate nach dem Trauma beginnen und dazu noch die Mehrheit der Kopfschmerzen das Bild eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp aufweist, ist doch die Prävalenz dieses Kopfschmerzes in der Bevölkerung sowieso sehr hoch. Diese verzögert beginnenden posttraumatischen Kopfschmerzen sind nur in Einzelfallberichten beschrieben und nicht in Fall-Kontroll-Studien.

Es gibt anerkannte Risikofaktoren für einen ungünstigen Verlauf nach Kopf- oder HWS-Beschleunigungstrauma. Frauen haben ein höheres Risiko, einen posttraumatischen Kopfschmerz zu entwickeln, und mit steigendem Alter geht eine langsamere und unvollständigere Erholung einher. Mechanische Faktoren, wie z.B. die Stellung des Kopfes zum Zeitpunkt des Aufpralls, ob rotiert oder inkliniert, erhöhen das Risiko für einen posttraumatischen Kopfschmerz. Die Beziehung zwischen dem Schweregrad des Traumas und dem Schweregrad des posttraumatischen Syndroms ist noch nicht endgültig geklärt. Auch wenn kontroverse Daten vorliegen, leitet sich aus der Mehrzahl der Studien ab, dass posttraumatische Kopfschmerzen seltener sind, wenn das Kopftrauma schwerer ausgeprägt ist. Die kausale Beziehung zwischen einem Kopf-und/oder HWS-Trauma und den Kopfschmerzen ist jedoch in Fällen mit einem sehr leichten Trauma nur schwer herzustellen.

Die Rolle von Rechtsstreitigkeiten in der Chronifizierung der Kopfschmerzen wird noch diskutiert. Es gibt einige Studien, die eine Abnahme der Kopfschmerzen in den Ländern zeigen, in denen Unfallopfer keine Entschädigung erhalten. Der 5.2 chronische posttraumatische Kopfschmerz und der 5.4 chronische Kopfschmerz bei HWS-Beschleunigungstrauma sind häufig Teil eines posttraumatischen Syndroms. Bei diesen Syndromen ist es schwierig, die komplexe Interaktion zwischen organischen und psychosozialen Faktoren zu bemessen.

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