IHSDiagnoseICD-10
12KOPFSCHMERZ ZURÜCKZUFÜHREN AUF PSYCHIATRISCHE STÖRUNGEN R51  
An anderer Stelle kodiert Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Substanzabhängigkeit, deren Übergebrauch oder Entzug, Kopfschmerz zurückzuführen auf eine akute Intoxikation und Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch werden unter 8. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Substanz oder deren Entzug kodiert.

Allgemeiner Kommentar

Primärer und/oder sekundärer Kopfschmerz?

Tritt ein neuer Kopfschmerz erstmals in engem zeitlichen Zusammenhang zu einer psychiatrischen Störung auf, sollte der Kopfschmerz als Kopfschmerz zurückzuführen auf eine psychiatrische Störung kodiert werden. Dies ist auch der Fall, wenn der Kopfschmerz das klinische Bild einer Migräne, eines Kopfschmerzes vom Spannungstyp oder eines Clusterkopfschmerzes aufweist. Wenn sich aber ein vorbestehender primärer Kopfschmerz in engem zeitlichen Zusammenhang mit einer psychiatrischen Störung verschlechtert, ergeben sich zwei Möglichkeiten, die ein Abwägen erfordern. Der Patient kann entweder ausschließlich die Diagnose des vorbestehenden primären Kopfschmerzes erhalten oder aber die Diagnose des vorbestehenden primären Kopfschmerzes und eines Kopfschmerzes zurückzuführen auf eine psychiatrische Störung. Letzteres Vorgehen empfiehlt sich bei Vorliegen folgender Punkte: Es besteht ein unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang zur psychiatrischen Störung; die primären Kopfschmerzen haben sich deutlich verschlechtert; es bestehen sehr gute Hinweise, dass die psychiatrische Störung primäre Kopfschmerzen verschlimmern kann und es kommt zur Besserung oder zum Verschwinden des Kopfschmerzes nach Ende der psychiatrischen Störung.

Definitiv, wahrscheinlich oder chronisch?

In den meisten Fällen ist die Diagnose eines Kopfschmerzes zurückzuführen auf eine psychiatrische Störung nur endgültig, wenn der Kopfschmerz nach effektiver Behandlung der psychiatrischen Störung oder einer Spontanremission verschwindet oder sich zumindest deutlich bessert. Wenn die psychiatrische Störung nicht effektiv behandelt werden kann und sie auch keine Spontanremission aufweist oder wenn noch keine ausreichende Zeit hierfür verstrichen ist, sollte im Regelfall die Diagnose eines Kopfschmerzes wahrscheinlich zurückzuführen auf eine psychiatrische Störung gewählt werden.

Chronische Kopfschmerzen zurückzuführen auf eine psychiatrischen Störung, die nach deren Ende persistieren, sind bislang nicht beschrieben.

Einleitung

Insgesamt existieren nur limitierte Hinweise auf psychiatrische Ursachen von Kopfschmerzen. Die diagnostischen Kategorien in dieser Klassifikation sind den seltenen Fälle vorbehalten, in denen Kopfschmerzen im Kontext einer psychiatrischen Erkrankung auftreten, von der bekannt ist, dass sie sich in Kopfschmerzen manifestieren kann. Dies ist z.B. der Fall, wenn ein Patient über Kopfschmerzen im Zusammenhang mit der wahnhaften Vorstellung berichtet, man habe ihm heimlich eine Metallplatte in seinen Kopf eingesetzt oder bei Kopfschmerzen als Manifestation einer Somatisierungsstörung. Bei der Mehrzahl der Kopfschmerzen, die gleichzeitig mit einer psychiatrischen Störung auftreten, besteht kein kausaler Zusammenhang, sondern lediglich eine Komorbidität (die vielleicht ein gemeinsames biologisches Substrat widerspiegelt). Es gibt Berichte über eine Komorbidität zwischen Kopfschmerzen und einer Vielzahl psychiatrischer Störungen, einschließlich Depression, Dysthymie, Panikstörung, generalisierter Angststörung, somatoformen Störungen und Anpassungsstörungen. In diesen Fällen sollte sowohl die Diagnose der primären Kopfschmerzerkrankung als auch die begleitende psychiatrische Diagnose gestellt werden.

Die klinische Erfahrung legt jedoch nahe, dass in einigen Fällen Kopfschmerzen, die ausschließlich während verbreiteter psychiatrischer Störungen wie Depressionen, Panikstörungen, Angststörungen oder undifferenzierten somatoformen Störungen auftreten, am besten als auf diese psychiatrischen Störungen zurückzuführen eingeordnet werden sollten. Um zukünftige Untersuchungen auf diesem Gebiet zu stimulieren, wurden diagnostische Kriterien für Kopfschmerzen zurückzuführen auf diese psychiatrischen Störungen in den Anhang aufgenommen.

Bei Vorliegen einer Kopfschmerzdiagnose sollte gezielt auch auf eine Depression, Panikstörung oder generalisierte Angststörung geachtet werden und umgekehrt. Darüber hinaus bestehen Hinweise, dass das gleichzeitige Bestehen einer psychiatrischen Störung den Verlauf einer Kopfschmerzerkrankung (Migräne und/oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp) verschlimmern kann, indem sie die Häufigkeit und die Intensität der Kopfschmerzen erhöht. Auch sprechen die Kopfschmerzen häufig schlechter auf die Behandlung an. Somit ist das Erkennen und Behandeln jeder begleitend auftretenden psychiatrischen Störung wichtig für eine erfolgreiche Behandlung von Kopfschmerzen. Bei Kindern und Jugendlichen treten Kopfschmerzen (Migräne, episodische Kopfschmerzen vom Spannungstyp und hauptsächlich chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp) jedoch häufig komorbid mit psychiatrischen Störungen auf. Das Auftreten von Schlafstörungen, Angststörungen, Schulphobien, Anpassungsstörungen und anderen Störungen, die in der Regel im (Klein-)kindesalter oder der Adoleszenz diagnostiziert werden (hauptsächlich Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, Verhaltensstörungen, Lernstörungen, Enuresis, Enkopresis, Tics) sollte sorgfältig beurteilt und die Störung behandelt werden. Zu berücksichtigen sind dabei die negative Bürde einer Behinderung und die Prognose der kindlichen Kopfschmerzen.

Um zu klären, ob ein Kopfschmerz tatsächlich auf eine psychiatrische Störung zurückzuführen ist, muss zuerst die Frage geklärt werden, ob überhaupt eine psychiatrische Störung als Komorbidität vorliegt oder nicht. Im Idealfall bedeutet dies, dass eine vollständige psychiatrische Evaluation mit der Frage nach dem Vorliegen einer psychiatrischen Störung erfolgen sollte. Im Minimalfall wäre es aber wichtig, zumindest nach typischen psychiatrischen Symptomen wie generalisierter Angst, Panikattacken oder Depressionen zu fragen.

Zurück

Top

 

Drucken